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one woman revolution

solo trippin' - oder so

 

Ich werde an meinen Tisch geführt, mit dem Buch unlearn patriarchy und meiner roten Vintage Clutch unterm Arm. Ich fühle mich revolutionär. Trage ein sexy, durchsichtiges Glitzer-Oberteil und bestelle mir als erstes einen weissen Vermouth.

Wenige Tage davor habe ich mich für dieses Wellnesshotel entschieden, habe mir ein Einzelzimmer gebucht und mich gefreut mit meinem Schreibzeug loszudüsen. Zeit in Ruhe fürs Schreiben zu haben und nebenbei zu schwitzen und Vier-Sterne-Küche zu geniessen. Koste, was es wolle. Alleine ist sowieso alles teurer. Aber darum geht es gerade nicht. 

 

Ich war bereits oft allein im Kino, allein beim Abendessen auswärts, alleine im Urlaub. Aber ein Wellness-Wochenende immer nur in trauter Mehrsamkeit. 

Dass ich mir am Tag vor Abreise aber erneut das Herz breche, stand nicht auf dem Plan. Ich ging durch tausend Emotionen. Freude abhauen zu können, Angst tränenüberströmt in der Sauna zu hocken. 

Aber die Bergluft singt mir ein Freiheitslied. Und auf der Fahrt nach Valbella geschah etwas unglaubliches. Ich habe mein inneres Kind auf der kleinen Bühne im Schneesportlager 2002 singen hören. Ich habe mitgesungen, ihr zugesungen, gespürt, dass ich nicht alleine unterwegs bin. I’m self-partnered, wie Emma Watson sagen würde, obwohl sie überhaupt nicht das damit gemeint hat (nehme ich an).

 

Während des Abendessens habe ich den Text von Emilia Roig gelesen, unlearn love und gab der Autorin Anna Miller wenige Sätze später recht; es macht kaum Sinn im feministischen Kreis über Feminismus zu sprechen. Vieles, was Emilia in diesem Essay beschreibt, weiss ich bereits (was es für andere Lesende nicht weniger spannend macht). Vielleicht durch meinen Umgang mit Selbstliebe, oder der Liebe und Kreativität per se.

Ich habe jedoch einen neuen Begriff gelernt - Homosozialität; mit dem Gedanken wenn Männer Frauen doch nur so lieben würden, wie sie sich gegenseitig lieben. Zusätzlich wurde ich in diesem Solo-Trip bestärkt. Dass wenn ich als Frau in der Selbstliebe aufgehe, ist das revolutionär. Eine one girl revolution. 

 

Ich bestelle ein Glas Bündner Pinot Noir, aber Isabell weiss es besser und schenkt mir zum Probieren ein. Ich bin ehrlich; zu säuerlich, zu wässerig. Sie empfiehlt mir den Italiener im Offenausschank. Sie hat recht, der schmeckt. 

Ich male mir aus Restaurant/Hotelkritikerin zu sein; Essen, Service ich fühle mich stark im Details bewerten, frage mich wie ich das werden könnte, denn Foodbloggerin zu sein, die sich überall selbst einlädt, steht ausser Debatte. Aber wie wäre es mit einer Reihe; Solo-Ausflüge, die sich lohnen allein zu geniessen. Ich bin Feuer und Flamme, vom Essen, von Isabell und dem ganzen Ambiente. Meine Sypnapsen feuern und ins Bettgehen, steht ausser Frage. Ich bin hier um was zu erleben. 

 

So setze ich mich in dunkler Nacht vors Hotel (mein Budget hat nicht für ein Zimmer mit Balkon gereicht - anscheinend. Vielleicht habe ich auch schlicht vergessen, dass nicht jedes Hotelzimmer einen Balkon inkludiert).

Ich habe keine Angst, höre die Kuhglocken in der Nähe, den monotonen Jazz, der von der Hotelbar aus zu mir flüstert. Ich fühle mich gemeinsam. Ich bin revolutionär. 

Hahaha, die junge, Schweizer Schriftstellerin, die sich allein eine Übernachtung in einem Vier-Stern-Hotel leistet; aber ja, dies wird keine Revolution für die Menschheit, sondern für mich. Auch nicht, weil ich alleine hier bin und mich mehrsam fühle, sondern weil es sich anfühlt, als hätte ich mich heute für ein neues Multiverse entschieden. In dem ich meine tiefen Freundschaften als Anker und Lebensenergie erkenne, in dem ich der Liebe einen neuen Weg erschaffe, mich mir, meinen Facetten und unserem Seelenwohl die Ruhe und Zeit gebe mein Leben zu leben, nicht in gescheiterten Vorstellungen zu verharren und damit ein Stück - und ganz nach Emilia - die Prägungen des Patriachats zu verlernen. 

 

Ich werde nicht die unabhängige Tante im Graukleid sein, die ihr Leben mit zehn Katzen verraucht. Ich werde den Weg einer liebenden Frau gehen, die ihre Beziehungen vertieft, den Menschen auf Augenhöhe begegnet und aus dem vermeintlich gesellschaftlich gesehenen Egoismus kreative Möglichkeiten eröffnen. In meinem Wirkungsgrad. In meiner Grösse.

Eine one woman revolution feiern.